Sep 11

Historische Baustoffe - ein kurz Einführung

Tag: Freizeit, Haushalt, Kunst & Kultur
Hans-Martin Aurich (info[at]webconsultant.de) @ 11. September 2007 um 23:16 Uhr

Der Begriff »Historische Baustoffe« oder »Historische Baumaterialien« ist keine landläufige Bezeichnung, und gibt vielen ein Rätsel auf. Sind damit antike Baustoffe gemeint, die als Kunstgegenstände im weiteren Sinne aus denkmalgeschützten Objekten stammen? Sind es Materialien wie Lehm und Stroh, die bereits von unseren Vorfahren verwendet wurden, Zeichen traditioneller Baukultur, die heute wieder im Rahmen ökologischer Bautechniken ihre Renaissance erleben?

Historische Baumaterialien, so wie wir sie verstehen, sind Baustoffe aus alter handwerklicher oder historisch-industrieller Fertigung, d.h. größere, auf Maß gefertigte Einzelteile wie
Fenster, Türen, Treppen und Torbögen, aber auch Massenbaustoffe wie Dachziegel und Backsteine, Fliesen, Beschläge, Pflastersteine und bearbeitete Natursteine, die zur Konstruktion oder für die Gestaltung größerer Flächen verarbeitet werden.
Allen historischen Baumaterialien ist ihr unverwechselbares Äußeres eigen. Ihre Patina ist ein Dokument des Alters und des Alterns; alte Oberflächen, alte Farben,alte Verletzungen und Ausbesserungen dokumentieren Geschichte und Funktion dieser Baustoffe. In diesem Sinne hat die Wiederverwendung von historischen Baumaterialien viele Wurzeln.
Jahrhundertelang war es selbstverständlich, bei Neubauten auch Baustoffe zu verwenden, die durch den Abriss oder die Zerstörung alter Bauten vorhanden waren, wie z.B. Bauholz aus
Eiche oder Ziegelsteine. Ökonomie und Verfügbarkeit sicherten ihren natürlichen Kreislauf, solange die Funktion erhalten blieb. Die Wiederaufbauphase nach dem Krieg, die Leistungen der
Trümmerfrauen in Berlin und in anderen Städten dokumentieren anschaulich dieses Vorgehen. Diese Art der Wiederverwendung von Baustoffen verlor im Bauboom der Wirtschaftswunderzeit ihre Bedeutung, scheinbar perfekte Industriebaustoffe, die das Neue und Fortschrittliche verkörperten, traten an diese Stelle.

»Recycling auf höchster Wertstufe«, d.h.Tür bleibt Tür und Stein bleibt Stein, ist seit langem das Anliegen vieler unterschiedlicher Gruppen. Durch das sorgfältige Ausbauen und Bergen von Baustoffen können nicht nur Mülldeponien entlastet und natürliche Ressourcen eingespart werden, sondern diese wertvollen Baumaterialien stehen auch einer neuen Wiederverwendung in der Denkmalpflege, bei der Restaurierung und dem Umbau von Häusern zur Verfügung.
In gleichem Maße gilt es, die Forderungen nach dem Einbau von regionalund zeittypischen Baumaterialien zu unterstützen und den Aspekten der Materialästhetik wieder mehr Rechnung
zu tragen.

Wer bereits einmal in seinem Leben auf der Suche nach einem speziellen Dachziegel oder Backstein, sei es im alten Reichsformat oder im großen Bayernformat, einem Biberschwanz mit Rundschnitt, einer alten Tür oder einem Fachwerkbalken war, um einen Umbau stilistisch originalgetreu und ästhetisch vertretbar zu bewerkstelligen, kann ermessen, welche Hilfe es bedeutet, auf den Rat von Spezialisten und deren Sortiment zurückgreifen zu können.
Mit dem Titel »Auf der Suche nach historischen Baumaterialien« startete 1995 die Edition :anderweit ihr Verlagsprogramm.

Der Name war Programm, denn im Althochdeutschen heißt »anderweit« zum zweiten Mal, und die Zweitverwendung von Baumaterialien sollte daher das Verlagsprogramm im Sinne einer
gefühlvollen Wechselbeziehung zwischen Natur und Technik und einem sensiblen Umgang mit den Werten der Vergangenheit und des Handwerks eröffnen:
Alter und Altern als positive und künstlerische Dimension, Patina als Charme der Falten und Tradition als Basis für die Zukunft.

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